“dts Nachrichtenagentur” oder: Womit man heute mit Medien Geld verdienen kann
Geschrieben von Glöckel in MedienkritikNein, erstaunen tut mich heute wohl kaum mehr etwas, was so an Inhalten in unterschiedlichsten Medien vorzufinden ist. Die Massenmedien folgen einfach dem marktwirtschaftlichen gewinnbringenden Regeln – und so lange der überwiegende Anteil der Medienkonsumenten sich mit dem Vorgesetzten begnügt und aussagekräftige Überschriften mit Blutbildern und Kurzangaben ausreichen um Befriedigung des Informationsbedürfnisses zu erzielen, werden sich wohl kaum Verbesserungen hinsichtlich eines breit angesiedelten Qualitätsjournalismus einstellen.
Wie sagte mir vor einigen Jahren der Chefredakteur eines Mainstream-Printmediums: “Für Recherchen haben wir kein Geld”. Das österreichische Monatsmagazin hatte Interesse eine Reportage über eine investigative Recherche im Bereich des Transportgewerbes zu erwerben. Gekauft und veröffentlicht wurde sie allerdings nicht, da ich mich weigerte Inhalte aufzublasen um eben dieser eingangs angeführten Ausrichtung zu folgen. Und in Zeiten in denen längstens die Wenigsten bereit sind in tiefgründige Recherchen zu investieren und es auch schon mal gilt einfach Platz mit Inhalten/Buchstaben zu füllen, da kommen u.a. Dienstleister wie beispielsweise Nachrichtenagenturen ins Spiel.
Die dts Deutsche Textservice Nachrichtenagentur GmbH aus Halle in Deutschland ist so ein Unternehmen, aus deren Selbstbeschreibung wie folgt zu entnehmen ist: “Die dts Nachrichtenagentur unterscheidet sich von vielen etablierten Nachrichtenagenturen: dts bietet ausschließlich die schnelle Meldung von Informationen mit hohem Nachrichtenwert in Kurznachrichtenform. Deswegen nennen wir uns auch die “Eilmeldungsagentur”.”
Faksimile aus der Selbstbeschreibung von dts Internetpräsenz: dts-nachrichtenagentur.de Mit besonderen Verständnis für die Bedürfnisse der Zielgruppe “Internet”. Unter der Domain informationsagentur.com bot ich kostenlos ausgewählten Medienbetreibern seit einiger Zeit die Möglichkeit einer Plattform, über die sie Publizierungen ihrer eigener Internetpräsenzen einem größeren Personenkreis zugänglich machen können. Halbautomatisiert können Sie dort mit der entsprechenden Überschrift, Links und Inhaltsbeschreibung ihre Beiträge einstellen. Am 5.5.09 stolperte ich über eine Nachrichtenagenturmeldung, die von einem Kollegen automatisiert von dts übernommen wurde, die wie folgt lautete: 
US-amerikanischer Polizist erschießt Mann
Ein Polizist hat in Texas einen Mann, der ein Messer bei sich trug, erschossen. Dies teilte soeben die Rice University Texas mit. Die Kugel, die für den Mann tödlich war, streifte versehentlich auch eine Frau. Ob sie den Streifschuß überlebt hat, ist nicht bekannt. Copyrightvermerk: dts Nachrichtenagentur
Bitte, was ist das für eine Meldung, zusätzlich einer Nachrichtenagentur? Was sagt das aus? In welchem Zusammenhang standen die Personen? Wieso teilt eine Universität dies mit? Fragen, über Fragen und so gut wie nichts über die causalen Zusammenhänge. Es veranlaßte mich dem Kollegen, mit dem ich ein wirklich freundschaftliches Verhältnis pflege, zu kontaktieren und ihn auf diesen WITZ aufmerksam zu machen. Solche Nachrichtenagenturmeldungen sind doch das Allerletzte, aneinandergereihte Wörter ohne jegliche Aussagekraft. Für Boulevardblätter vielleicht effektvoll, da könnten oberflächliche Leser aufschreien: Buah – schon wieder hat ein Bulle einen Mann erschossen! Oder: Leben wir wirklich angesichts der allgegenwärtigen Paranoia in solchen Verhältnissen, daß das Tragen eines Messers schon ausreicht um erschossen zu werden? – als mögliche Aussage vom anderen Ende der Möglichkeiten einer großen Bandbreite. Ich habe aufgrund dieser NACHRICHTENAGENTURMELDUNG an dts eine Anfrage mit folgendem Inhalt gerichtet: Im Zusammenhang mit dem Vorfinden folgender “Pressemeldung” Ihres Unternehmens, wären wir interessiert zu erfahren, ob dieser Text tatsächlich den Qualifikationsparametern einer Pressemitteilung aus Ihrer Sicht entspricht Der Geschäftsführer Michael Höfele von dts Deutsche Textservice Nachrichtenagentur GmbH antwortete am 6.5.09 kurz und bündig wie folgt: ich bin offen gestanden heute Morgen auch über die Meldung gestolpert. Von daher: Nein. Na auch fein, ein Geschäftsführer der “stolpert” über seine eigene Meldungen. Gestatten Sie die Anmerkung: Als verantwortlicher Leiter stolpere ich beispielsweise nie, da jegliche Veröffentlichung vor der Publizierung kontrolliert wird – das ist Bestandteil einer Verantwortung die man in der Informationsbranche gegenüber der Gesellschaft und der Öffentlich hat. Bei einer Nachrichtenagentur sollten diese Maßstäbe noch strenger angewandt werden, weil sie als Multiplikator Dienstleistungen in Form von Nachrichten an Medien verbreitet.
Hat man bei dts und insbesondere Herr Höfele aus diesem Beispiel etwas gelernt? Am 19.5.09 verbreitet diese Nachrichtenagentur wieder eine gewichtige Nachricht und die Zugriffe auf diese Meldung waren auffallend hoch, so daß ich sie mir zu Gemüte führte. dts brachte wie folgt in Umlauf:
Patrick Swayze ist angeblich tot
Der Schauspieler Patrick Swayze soll angeblich tot sein. Der Nachrichtenagentur dts liegen derzeit noch keine weiteren Details oder Hintergrundinformationen vor. Die dts-Redaktion beginnt gerade mit der Recherche an diesem Thema. Die Quelle konnte bislang nicht abschließend überprüft werden.
Respekt! Ich stehe wie der sprichwörtliche Hund aufs Bein, wenn ich von angeblich lese. Und es liegen noch keine weiteren Details oder Hintergrundinformationen vor! Man beginnt gerade mit den Recherchen an diesem Thema! Die Quelle konnte auch noch nicht überprüft werden!
Ein Pferd von Hinten aufzuzäumen ist verkehrt – man recherchiert und veröffentlicht nach Abschluß. Ein Hosenpfurz von dts, der sich als Durchfall entpuppte, da Patrick Swayze nicht tot war und dts hat sich somit angesch…. Verzeihen Sie dieses doch ungewöhnliche Vokabular meinerseits, aber da schaffe ich es nicht mehr mich angesichts meiner beruflichen Grundsäulen und Einstellungen zurückzuhalten. Dem Herrn Geschäftsführer übermittelte ich nachdem ich verfolgen konnte, wie dieses Lauffeuer zu einem Flächenbrand ausuferte, weil Medien auch schon mal das Ableben des Schauspielers vermeldeten, folgende e-mail (Auszug):
Zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit, bin ich auf Aussendungen Ihres Unternehmens gestoßen, die jeglicher Qualität und Einhaltung eines Mindestmaßes an journalistischer Sorgfaltspflicht entbehren … und dieser mit Verlaub gesagt “Schrott” als Nachrichtenagenturmeldungen eingespeist wurde
Herr Höfele antwortete wie folgt:
in der von Ihnen beanstandeten Meldung wurde in ungewöhnlich ausdrücklicher Forum (red. Anm.: Forum = kein Abschreibfehler) darauf hingewiesen, dass es sich hierbei um eine ungeprüfte Information handelt
Es ist nunmal eine Tatsache, dass zahlreiche US-Medien diese Meldung gebracht haben.
Ich verbitte mir daher in aller Deutlichkeit Ihren Vorwurf, hier unkorrekt gearbeitet zu haben. Etablierte TV-Sender wie n-tv und RTL oder die “Bild-Zeitung” (Internetausgabe) haben diese Meldung dagegen ohne jegliche Distanzierung gebracht.
Nein, ich werde mich jetzt nicht über die Qualitäten der angeführten Medien äußern – überhaupt solche Nachrichtenagenturmeldungen zu übernehmen und zu verbreiten, spricht für sich … Aber eine Nachrichtenagentur hat nach allgemeiner journalistischer Auffassung und einschlägigen Regelwerken überhaupt keine unüberprüften Meldungen in Umlauf zu bringen! Nicht einmal die Quelle als Mindestmaß war überprüft worden! Das unterscheidet Agenturen und Nachrichtenmagazine auch sehr wesentlich zu der “Neumodeerscheinung” von einschlägigen Web 2.0-Portalen, die ggf. unter den Begriff des Bürgerjournalismus einzureihen sind.
Mein Kollege, der monatliches Entgelt an dts entrichtete hat bereits die Konsequenzen gezogen und am 20.5. den Vertrag gekündigt. Aus meiner Sicht der Schritt in die richtige Richtung zu Qualität!
Medienbetreiber haben eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit in einem Ausmaß über das sich Viele offensichtlich überhaupt nicht im klaren sind und wenn der Ruf von Journalisten in den vergangenen Jahren stetig abnimmt, dann sind solche Beispiele mit ein Grund dafür!
Und zu allerletzt: “Etabliert” sagt überhaupt nichts über die Qualität der Medienangebote aus.
unfaßbar …
(Anm.: Das Urheberrecht von dts wird von dieser Veröffentlichung nicht berührt; Die Darstellungen erfolgten nur zur Veranschaulichung und Dokumentation des Sachverhaltes; Copyright der PR-Mitteilung verbleibt bei dts)
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